Lexikon

Wenn der Waggon als Ruhebereich ausgewiesen ist, hatte mir die Frau hinter dem Schalter erklärt, dann heißt das, lautes Telefonieren ist unerwünscht. Das fand ich eine gute Idee und buchte mein Ticket für einen solchen Wagen. Ich freute mich auf eine Fahrt in Stille. Dass dagegen lautes Reden möglich ist, hatte die Bahnfrau nicht gesagt.

Auf meiner Fahrt nach R. saß eine vierköpfige Familie neben mir am Nachbartisch. Nachdem der Vater, ein bärtiger Mittvierziger, die großen Koffer verstaut hatte, begann er seiner Familie mit einem herrlichen Stubbe-Dialekt die Triebwagen und Züge zu erklären. „Da, ein Pendolino“, rief der Mann zum Fenster hin. „Keine Ahnung, wann ich den zuletzt gesehen habe.“ An anderer Stelle stellte er verzückt fest: „Ein 407er! Schaut doch, ist das nicht ein herrliches Exemplar?!“ Wenn mal nichts zu sehen war bzw. wenn mal nur Wiesen und Felder zu sehen waren, erläuterte der Mann die Route, die der Zug gerade eingeschlagen hatte samt den alternativen Verbindungen. Der Mann kannte sämtliche Nebengleise und Bahnhöfe und deren Baujahre. Und zu jeder Weiche, zu jeder Schranke hatte er eine passende Anekdote auf Lager. Der Mann war ein wandelndes Lexikon. Laut, ungefragt und sächselnd verteilte er seine Wissenshäppchen wie belegte Brote. Die Kinder hörten dem Familienoberhaupt mit einer Mischung aus Interesse und stiller Anteilnahme zu. Vielleicht wussten sie, dass irgendwann die Erklärungswut ihres Vaters aufgebraucht war. Dann konnten sie endlich ihre Illustrierten studieren oder Musik hören. Allein die Mutter saß schweigend in der Runde und blätterte in einer Zeitung. Es hätte auch ein Programmheft sein können, denn die Frau machte den Eindruck, als wohne sie einer Theateraufführung bei. Noch unsicher, ob sich der ganze Aufwand und das Eintrittsgeld gelohnt hatten, hielt sie sich mit jeder Bewertung zurück.
Als der Vater mit den Kindern ins Bordrestaurant verschwunden war, nahm die Frau meinen Blick auf. „Sonst redet mein Freund nicht so viel“, sagte sie. „Aber es ist unser erster gemeinsamer Urlaub. Und meine Kinder fanden meinen Freund bisher ziemlich langweilig.“

31.7.13 15:14

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